Am 21. November 2025 überschritt Japan eine unsichtbare Grenze, die die globalen Finanzmärkte für immer verändern wird. Die Renditen für japanische Staatsanleihen (JGBs) sind auf den höchsten Stand seit Jahrzehnten gestiegen. Das ist keine technische Korrektur, sondern das Ende einer Ära.
Das Kernproblem: Die Schuldenfalle
Japans Staatsverschuldung liegt bei über 230 % des BIP – ein in Friedenszeiten nie dagewesener Wert. Jahrzehntelang war dies durch Nullzinsen tragbar. Doch nun steigen Inflation und Zinsen schneller als das Wirtschaftswachstum. Jeder Zinsanstieg erhöht die Kosten für den Schuldendienst dramatisch und drängt die Bank of Japan in eine Ecke: Sie kann die Zinsen nicht aggressiv anheben, ohne den Staatshaushalt zu sprengen. Man nennt das “fiskalische Dominanz” – die Geldpolitik ist der Schuldenlast untergeordnet.
Der Auslöser: Geopolitik und Aufrüstung
Die Regierung erhöht die Staatsausgaben massiv, insbesondere für die Verteidigung auf 2 % des BIP. Angesichts der angespannten Sicherheitslage mit China ist dieser Schritt unumkehrbar und zementiert die hohen Defizite für die Zukunft. Der Anleihemarkt preist dieses Risiko nun ein.
Die globale Auswirkung: Das Ende des “Yen Carry Trade”
Seit 35 Jahren lieh sich die Welt billig Geld in Yen, um es in höher verzinsten Währungen anzulegen (der sogenannte “Yen Carry Trade”). Dieses Geschäft hat Billionen an Liquidität in die globalen Märkte gepumpt und die Zinsen weltweit künstlich niedrig gehalten. Wenn die japanischen Zinsen steigen, wird dieser Handel unrentabel. Eine Auflösung dieser Positionen würde eine massive Kapitalumschichtung auslösen:
Abzug von Kapital: Japanische Investoren halten über 3 Billionen US-Dollar im Ausland. Steigende heimische Zinsen machen eine Rückführung dieses Geldes attraktiv, was Liquidität aus den USA und Europa abzieht.
Deleveraging: Das Ende des Carry Trade zwingt Investoren weltweit, gehebelte Positionen aufzulösen. Dies führt zu Verkaufsdruck bei Aktien, Rohstoffen und Schwellenländer-Währungen.
Neubewertung von Risiko: Die globale “risikofreie” Zinsrate wird strukturell um 0,5 bis 1,0 Prozentpunkte ansteigen. Das bedeutet, dass alle Vermögenswerte – von Aktien bis Immobilien – neu bewertet und tendenziell abgewertet werden müssen.
Das Endspiel: Finanzielle Repression
Japan wird nicht im klassischen Sinne pleitegehen. Stattdessen wird es eine moderate Inflation tolerieren, um den realen Wert seiner Schulden langsam zu vernichten. Die Leidtragenden sind Sparer und Anleger.
Fazit: Die Ära des billigen Geldes und der künstlich niedrigen Volatilität ist vorbei. Die Weltwirtschaft steht vor einer fundamentalen Neubewertung von Kapital und Risiko. Der Anleihemarkt in Tokio hat gerade den Startschuss dafür gegeben. Investoren und politische Entscheidungsträger sind auf diesen Wandel kaum vorbereitet.
