DESHITTIFICATE YOURSELF – Eine Sphärologie des Konsumterrors I

Abstract

Die vorliegende Text unternimmt den Versuch, das omnipräsente Phänomen der „Verkrempelung“ der modernen Warenwelt aus einer sphärologischen und anthropotechnischen Perspektive zu deuten. Unter „Verkrempelung“ wird hierbei nicht bloß ein gradueller Qualitätsverlust verstanden, sondern eine systemische Inversion der Mensch-Ding-Beziehung, in der Produkte nicht länger als dienliche Werkzeuge der Lebensgestaltung fungieren, sondern als Vektoren der Irritation, der kognitiven Überlastung und des permanenten Unbehagens. Ausgehend von der Beobachtung einer zunehmenden Dysfunktionalität alltäglicher Gegenstände wird die These entwickelt, dass wir es mit einer pathologischen Form der Anthropotechnik zu tun haben, bei der der inszenierte Fortschritt eine tatsächliche Regression der Bedienbarkeit und Langlebigkeit kaschiert. Die Untersuchung greift auf Konzepte von Peter Sloterdijk zurück, insbesondere seine Sphärenlehre und den Begriff des Ko-Immunismus (Anonymous, n.d.), um die kollektive Dimension dieser Erfahrung zu fassen. Phänomene wie die „Touchscreen-Askese“ – die Umwandlung intuitiver Gesten in kognitive Lasten – und die Flusser’sche Inversion, wonach die Dinge den Menschen bedienen, werden als Symptome dieser Entwicklung analysiert. Die Untersuchung zielt darauf ab, die „Verkrempelung“ nicht als isoliertes Marktversagen zu begreifen, sondern als Ausdruck einer tiefgreifenden Krise der materiellen Kultur, die das Verhältnis des Subjekts zu seiner gestalteten Umwelt fundamental untergräbt und eine neue Form des „Konsumterrors“ etabliert.

1. Einleitung: Das Piepsen der Dinge und der Rückzug des Selbstverständlichen

Im akustischen Grundrauschen der Spätmoderne hat sich ein neues Register etabliert, ein Crescendo der kleinen, insistierenden Störgeräusche. Es ist das Piepsen, Surren und Blinken einer Dingwelt, die ihre vormalige dienende Zurückhaltung aufgegeben zu haben scheint. Die Waschmaschine, einst ein stoischer Gehilfe im Kellerasyl, meldet sich nun mit der aufdringlichen Penetranz eines vergessenen Tamagotchis und spielt missratene Schubert-Imitationen, um das Ende ihres Waschzyklus zu verkünden. Der Backofen verlangt nach einer Bestätigung per App, und das Automobil, einst ein Symbol souveräner Fortbewegung, degradiert seinen Fahrer zum permanenten Adressaten von Warnmeldungen, die in ihrer Häufigkeit und Banalität jede tatsächliche Gefahr in einem Nebel der Gleichgültigkeit ertränken. Diese alltäglichen Phänomene sind mehr als bloße Anekdoten technologischer Fehlentwicklungen; sie sind die Seismografen einer tiefer liegenden Erschütterung, die wir als die Verkrempelung der Welt bezeichnen wollen. Es ist der Prozess, in dem das Selbstverständliche, das reibungslose Ineinandergreifen von Mensch und Werkzeug, erodiert und einer permanenten, nervenaufreibenden Auseinandersetzung mit dem Unzulänglichen weicht.

Die Philosophie Peter Sloterdijks, die den Menschen konsequent als ein Wesen versteht, das sich durch die Schaffung von „Sphären“ – von schützenden, klimatisierenden und immunisierenden Innenräumen – vor dem Chaos der Außenwelt schützt, bietet einen scharfsinnigen Referenzrahmen für die Deutung dieses Phänomens. Wenn die grundlegende Aufgabe der menschlichen Kultur darin besteht, bewohnbare, verlässliche Interieurs zu schaffen, dann stellt die „Verkrempelung“ einen Angriff auf diese Sphären von innen dar. Die Produkte, die diese Räume ausstatten und funktionalisieren sollten, werden selbst zu Agenten der Irritation. Sie kontaminieren die Atmosphäre des Privaten mit einer Aura der Unzuverlässigkeit und des permanenten Scheiterns. Der heimische Herd wird zur Blackbox, deren Bedienlogik sich nur noch dem IT-Spezialisten erschließt, und der Staubsaugerroboter verfängt sich in einer Endlosschleife unter dem Sofa – eine tragikomische Metapher für den hakelnden Fortschritt.

Dieser Rückzug des Selbstverständlichen vollzieht sich nicht als dramatischer Bruch, sondern als schleichende Erosion. Es ist eine subtile, aber unerbittliche Verschiebung im ontologischen Status der Dinge. Sie treten uns nicht mehr als verlässliche Partner entgegen, sondern als launische, fordernde Entitäten, die eine ständige Wartung nicht nur ihrer physischen Substanz, sondern vor allem unserer Aufmerksamkeit verlangen. Die Dinge sind nicht mehr einfach da, um benutzt zu werden; sie wollen bedient, konfiguriert, geupdated und vor allem verstanden werden in ihrer eigensinnigen, oft widersinnigen Logik. In dieser Inversion des Verhältnisses von Subjekt und Objekt, von Nutzer und Genutztem, liegt der Kern der „Verkrempelung“. Sie ist keine bloße Frage mangelnder Produktqualität, sondern eine fundamentale Störung im Betriebsmodus unserer materiellen Kultur. Die vorliegende Untersuchung wird sich dieser Störung widmen, indem sie ihre anthropotechnischen, ökonomischen und psychopolitischen Dimensionen ausleuchtet, um die Konturen einer Welt zu zeichnen, in der der versprochene Komfort einer unaufhörlichen Belästigung gewichen ist.

2. Anthropotechnik des Unbehagens: Wenn der Fortschritt hakelt

Der menschliche Fortschritt lässt sich als eine Geschichte der Anthropotechniken verstehen – als eine Abfolge von Übungspraktiken und Techniken der Selbstformung, durch die der Mensch sich über seine biologische Grundausstattung hinaushebt und seine Lebenswelt kultiviert. Von der Faustkeil-Herstellung über die Rhetorik bis zur Gentechnik handelt es sich um Prozeduren, die den Menschen befähigen, seine Umwelt zu gestalten und sich selbst in ihr zu stabilisieren. Die moderne Konsumgüterindustrie ist unzweifelhaft eine der wirkmächtigsten Arenen dieser Anthropotechnik. Ihre Produkte sind nicht nur Werkzeuge, sondern auch Trainer, die uns zu bestimmten Haltungen, Gesten und Lebensweisen erziehen. Doch was geschieht, wenn diese trainierende Funktion pervertiert wird, wenn die Werkzeuge nicht mehr die menschliche Praxis erleichtern, sondern sie verkomplizieren und unterminieren? Wir betreten das Feld einer Anthropotechnik des Unbehagens, in der der proklamierte Fortschritt in eine regressive Erfahrung umschlägt und die Dinge eine subtile Tyrannei über ihre Benutzer ausüben.

Die moderne Produktwelt, insbesondere im Bereich der Haushalts- und Unterhaltungselektronik, inszeniert Fortschritt primär über die Ästhetik der Benutzeroberfläche. Glatte, fugenlose Oberflächen, minimalistische Designs und die Allgegenwart des Touchscreens suggerieren eine Zukunft der reibungslosen, intuitiven Interaktion. Doch hinter dieser Fassade verbirgt sich eine paradoxe Entwicklung: Während die primären Funktionen der Geräte – das Kochen, Waschen, Kühlen – oft tatsächlich effizienter werden, kollabiert die sekundäre Ebene der Bedienbarkeit in einem Chaos aus unlogischen Menüführungen, verzögerten Reaktionen und erzwungenen digitalen Umwegen. Der Fortschritt hakelt, er stockt genau an der Schnittstelle, an der Mensch und Maschine in Kontakt treten. Dieses Haken ist kein zufälliges Versagen, sondern ein systemisches Symptom einer fehlgeleiteten Innovationslogik, die Komplexität nicht reduziert, sondern lediglich hinter einer glatten Oberfläche verbirgt und damit die kognitive Last auf den Nutzer verschiebt.

2.1 Die Touchscreen-Askese: Von der intuitiven Geste zur kognitiven Last

Das Paradigma des Touchscreens ist das zentrale Versprechen der modernen Interface-Gestaltung: die unmittelbare, intuitive Kontrolle durch die Geste des Fingers. Die physische Distanz zwischen Befehl und Ausführung, symbolisiert durch den Tastendruck oder den Drehregler, sollte aufgehoben werden in einer magischen Fusion von Absicht und Aktion. Doch die Realität in den Küchen und Wohnzimmern zeichnet ein anderes Bild. Die Implementierung von Touch-Bedienfeldern auf Alltagsgeräten wie Induktionsherden, Backöfen oder Waschmaschinen entpuppt sich häufig als eine Form technoider Selbstkasteiung, als eine „Touchscreen-Askese“. Die vermeintlich intuitive Geste des Wischens und Tippens wird zu einer Übung in Geduld und Frustrationstoleranz.

Wo einst ein robuster Drehknopf mit einer klaren haptischen Rückmeldung eine präzise und augenblickliche Temperaturregelung ermöglichte, findet sich der Nutzer nun vor einer reaktionsschwachen Glasfläche wieder. Der Finger gleitet über eine Skala, die Temperatur springt unkontrolliert zwischen Stufen hin und her, ein feuchter oder fettiger Fingerabdruck lähmt das gesamte System. Die Einstellung der Kochstufe wird von einer beiläufigen Handlung zu einem konzentrationsfordernden Mikromanagement-Prozess. Dieser Verlust an haptischer Evidenz und unmittelbarer Kontrolle stellt eine anthropotechnische Regression dar. Die Technologie zwingt den Menschen, seine motorisch eingeübten und bewährten Interaktionsmuster aufzugeben und sich einer unzuverlässigen, kognitiv anspruchsvolleren Logik zu unterwerfen. Die versprochene Vereinfachung verkehrt sich in ihr Gegenteil: eine permanente kognitive Last. Der Nutzer muss die Eigenheiten und Fehlfunktionen „seines“ spezifischen Geräts erlernen, er muss antizipieren, wann der Sensor nicht reagiert, und eine Engelsgeduld aufbringen, wenn das System wieder einmal einfriert. Diese erzwungene Anpassung an eine mangelhafte Technik ist eine Form der negativen Dressur. Statt den Menschen zu ermächtigen, diszipliniert ihn das Gerät zur Leidensfähigkeit.

2.2 Ko-Immunismus der Verärgerung: Das Kollektiv der enttäuschten Nutzer

Peter Sloterdijk hat für das Zeitalter nach der Corona-Krise den Begriff des „Ko-Immunismus“ geprägt, um eine basale ethische Evidenz zu beschreiben: das Einschwören der Individuen auf wechselseitigen Schutz und geteilte Sorge. Diese Idee einer gemeinschaftlichen Immunisierungsstrategie lässt sich auf paradoxe Weise auf die Erfahrung der „Verkrempelung“ übertragen. Angesichts einer dysfunktionalen Produktwelt entsteht eine neue, ungewollte Form der Vergemeinschaftung: ein Ko-Immunismus der Verärgerung. Die Frustration über ein schlecht reagierendes Touchfeld, ein unverständliches Software-Update oder ein nach kurzer Zeit defektes Gerät ist keine rein private, isolierte Erfahrung mehr. Sie wird zum geteilten Schicksal, zum verbindenden Thema in Gesprächen mit Freunden, Nachbarn und Kollegen sowie in den digitalen Echokammern von Online-Foren und Produktrezensionen.

In diesen Räumen konstituiert sich ein globales Kollektiv der enttäuschten Nutzer. Die unzähligen Ein-Stern-Bewertungen auf Amazon, die verzweifelten Hilferufe in Technik-Foren und die sarkastischen Kommentare in den sozialen Medien sind die Manifestationen dieses negativen Gemeinsinns. Hier wird die individuelle Erfahrung des Scheiterns an der Tücke des Objekts verallgemeinert und als systemisches Problem erkannt. Man teilt Leidensgeschichten, tauscht notdürftige Workarounds aus und bestärkt sich gegenseitig in der Diagnose, dass nicht der einzelne Nutzer zu unfähig ist, sondern die Produkte selbst in ihrer Konzeption fehlerhaft sind. Diese kollektive Artikulation des Unbehagens bildet eine Art passives Widerstandskollektiv. Es ist eine Immunreaktion auf die Zumutungen der Industrie, die zwar selten zu unmittelbaren Konsequenzen führt, aber dennoch ein Bewusstsein für die Absurdität der Lage schafft. Der Ko-Immunismus der Verärgerung ist die Form, in der eine atomisierte Konsumgesellschaft ihre gemeinsame Verwundbarkeit durch eine feindlich gesinnte Dingwelt erfährt und zu einer leisen, aber vernehmbaren Klagegemeinschaft zusammenfindet. Diese Gemeinschaft ist das Symptom einer zerbrochenen Vertrauensbeziehung zwischen Produzenten und Konsumenten, ein Beleg dafür, dass das implizite Versprechen der Technik – das Leben einfacher und besser zu machen – in großem Stil gebrochen wird.

2.3 Die Flusser’sche Inversion: Nicht die Dinge bedienen uns, sie wollen bedient werden

Der Medienphilosoph Vilém Flusser formulierte in seiner Phänomenologie der Dinge und Undinge die provokante These, dass Apparate dazu neigen, ihre Funktion umzukehren: Statt dem Menschen zu dienen, zwingen sie ihn, ihnen zu dienen (Biemann, 2022). Der Fotograf wird zum Funktionär seiner Kamera, der Autofahrer zum Diener seines Fahrzeugs. Diese „Flusser’sche Inversion“ erfährt im Zeitalter der „smarten“ Verkrempelung eine radikale Zuspitzung. Die moderne Dingwelt ist nicht nur anspruchsvoll in ihrer Handhabung, sie ist geradezu fordernd und aufdringlich in ihrem Verlangen nach menschlicher Zuwendung. Die Geräte buhlen aktiv um unsere Aufmerksamkeit, sie wollen konfiguriert, administriert und permanent mit Daten gefüttert werden.

Ein „smarter“ Fernseher ist nicht mehr einfach ein Empfangsgerät, sondern ein komplexes Betriebssystem, das regelmäßige Software-Updates verlangt, den Nutzer mit der Einrichtung von Benutzerkonten behelligt und ihn zwingt, sich durch ein Labyrinth von Datenschutzbestimmungen zu klicken, bevor er überhaupt das Fernsehprogramm sehen kann. Die Kaffeemaschine verweigert den Dienst, bis der Entkalkungszyklus, eine halbstündige Prozedur unter Aufsicht, durchgeführt wurde. Das Gerät diktiert dem Menschen den Zeitplan. Diese Umkehrung des Herrschaftsverhältnisses ist eine zentrale Signatur der Verkrempelung. Der Besitz eines Objekts wandelt sich von einer Annehmlichkeit in eine Verpflichtung. Der Nutzer wird zum unbezahlten Systemadministrator eines vernetzten Haushalts, zum Techniker für die Launen seiner eigenen Besitztümer.

Diese Entwicklung ist tief in einer Ökonomie verankert, die den Wert eines Produkts nicht mehr allein in seiner primären Funktion sieht, sondern in seiner Fähigkeit, den Nutzer in ein Ökosystem einzubinden und Daten zu generieren. Die Dinge bedienen uns scheinbar, aber in Wahrheit bedienen sie die Logik der Plattformen, die hinter ihnen stehen. Sie sind die Tentakel eines Systems, das den privaten Raum durchdringen und die menschliche Aufmerksamkeit als Ressource abschöpfen will. Die Flusser’sche Inversion ist somit nicht länger nur eine philosophische Beobachtung, sondern der alltägliche Betriebsmodus einer Anthropotechnik, die den Menschen nicht als souveränen Herrn seiner Werkzeuge begreift, sondern als eine zu bewirtschaftende Komponente im Apparate-System. Die Dinge wollen nicht nur bedient werden, sie wollen uns domestizieren.

3. Die Ökonomie der Entwertung: Quality Fade und Enshittification als Betriebsmodus

Die in den vorangegangenen Kapiteln skizzierte anthropotechnische Malaise, das hakelnde Interface zwischen Mensch und Ding, findet ihre systemische Grundlage in einer ökonomischen Logik, die nicht mehr auf die Veredelung der Lebenswelt, sondern auf deren kalkulierte Ausdünnung zielt. Wir betreten hier den Maschinenraum der modernen Warenwelt, einen Bereich, in dem die Verschlechterung nicht als Betriebsunfall, sondern als integraler Bestandteil des Geschäftsmodells fungiert. Die Phänomene des „Quality Fade“ – des schleichenden Substanzverlusts materieller Güter – und der „Enshittification“ – der gezielten Degradierung digitaler Plattformen – sind keine voneinander isolierten Ärgernisse. Sie sind vielmehr die Zwillingsausprägungen einer übergeordneten Ökonomie der Entwertung, eines Betriebsmodus, der die Sphären unseres Alltags systematisch mit funktionalem und materiellem „Krempel“ flutet. Diese Entwicklung markiert eine Zäsur im Verhältnis von Produktion und Gebrauch: Das Versprechen des Kapitalismus, durch Wettbewerb eine stetige Verbesserung der Güter hervorzubringen, verkehrt sich in sein Gegenteil. An die Stelle der Optimierung tritt eine zynische Rationalität der permanenten Verknappung von Qualität, eine Art ökonomisch induzierter Mangelverwaltung im Überfluss. Die Welt der Dinge wird nicht reicher und verlässlicher, sondern dünner, brüchiger und unzuverlässiger. Es ist die Logik einer Ökonomie, die ihre eigenen Grundlagen untergräbt, indem sie das Vertrauen des Nutzers in die Integrität der ihn umgebenden Artefakte systematisch erodiert.

3.1 Plattform-Kapitalismus und die Logik der unaufhaltsamen Verschlechterung

Im digitalen Äon manifestiert sich die Ökonomie der Entwertung mit einer besonderen Virulenz im sogenannten Plattform-Kapitalismus. Hier hat sich ein Prozess etabliert, den der Tech-Kritiker Cory Doctorow prägnant als „Enshittification“ bezeichnet hat – ein Neologismus, der die systematische und scheinbar unaufhaltsame Verschlechterung digitaler Dienste und Plattformen beschreibt (Heijari, 2024). Dieser Prozess folgt einer fast gesetzmäßigen dreistufigen Logik, die das ursprüngliche Nutzenversprechen pervertiert. In einer ersten Phase locken die Plattformen Nutzer an, indem sie einen exzellenten, oft subventionierten Service anbieten. Das Ziel ist die Schaffung eines „Walled Garden“, eines geschlossenen Ökosystems, in dem die Nutzer sich heimisch fühlen und ihre Daten und sozialen Interaktionen deponieren. Sobald eine kritische Masse an Nutzern erreicht ist und Netzwerkeffekte greifen, beginnt die zweite Phase: Nun werden die Anbieter von Inhalten und Dienstleistungen (Unternehmen, Kreative, Händler) auf die Plattform geholt, denen man Reichweite und Zugang zu der gebundenen Nutzerschaft verspricht. Die Plattform agiert hier als scheinbar neutraler Vermittler.

Die dritte und entscheidende Phase ist der eigentliche Akt der „Enshittification“: Die Plattform beginnt, den erwirtschafteten Mehrwert nicht mehr zwischen Nutzern und Anbietern zu verteilen, sondern ihn vollständig für sich zu extrahieren. Dies geschieht durch die gezielte Degradierung des Nutzererlebnisses. Suchalgorithmen werden manipuliert, um gesponserte Inhalte zu bevorzugen; die organische Reichweite von Anbietern wird künstlich beschnitten, um sie zum Kauf von teurer Werbung zu zwingen; die Benutzeroberfläche wird mit aufdringlichen Werbebannern und irrelevanten Vorschlägen überfrachtet. Die Plattform, die einst als nützlicher Intermediär antrat, verwandelt sich in einen ausbeuterischen Rentier, der seine Monopolstellung missbraucht, um sowohl seine Nutzer als auch seine Geschäftskunden auszupressen (Clare, 2024). Die Logik ist nicht mehr die Verbesserung des Dienstes, sondern die Maximierung des Profits auf Kosten der Funktionalität. Die Nutzer sind gefangen, da die Wechselkosten – der Verlust von Daten, Kontakten und etablierten Routinen – zu hoch sind. Sie werden zu Zeugen und Opfern der Transformation eines einst nützlichen digitalen Raumes in eine dysfunktionale Werbe- und Datensammelmaschine. Dieser Prozess der Degradation ist somit kein Zeichen von unternehmerischem Versagen, sondern Ausdruck einer tiefsitzenden Logik, die darauf abzielt, neue Konsumentengruppen in bereits etablierte, aber nunmehr ausgehöhlte Systeme zu zwingen (Cohen, 2024). Die „Enshittification“ ist die digitale Spielart der Verkrempelung: eine bewusste Kontamination der Informationssphäre mit funktionalem Schrott, der den Nutzer in einer permanenten Frustration zurücklässt.

3.2 Vom Quality Fade zum geplanten Verfall: Die Erosion des Materiellen

Was sich im Digitalen als abrupter, strategisch inszenierter Verfall vollzieht, manifestiert sich in der Welt der physischen Güter als schleichende, oft kaum wahrnehmbare Erosion: der sogenannte „Quality Fade“. Dieses Phänomen beschreibt den graduellen, aber stetigen Rückgang der Qualität und Langlebigkeit von Produkten, der oft hinter einer Fassade aus kosmetischen Neuerungen und aggressivem Marketing verborgen bleibt. Es handelt sich um eine subtile Form der Entwertung, die sich in minderwertigeren Materialien, einer weniger robusten Konstruktion und einer verkürzten Lebensdauer äußert. Der Toaster, dessen Heizelemente nach zwei Jahren den Dienst quittieren, das T-Shirt, das nach wenigen Wäschen seine Form verliert, der Staubsauger, dessen Plastikgehäuse bei der ersten unachtsamen Berührung bricht – all dies sind Symptome einer Produktionsphilosophie, die nicht mehr auf die Herstellung von beständigen Gebrauchsgütern, sondern auf die Generierung von kurzfristigen Verkaufszyklen ausgerichtet ist.

Diese Entwicklung ist eng mit dem Konzept der „geplanten Obsoleszenz“ verwandt, transzendiert dieses jedoch. Während die geplante Obsoleszenz oft auf den gezielten Einbau von Schwachstellen abzielt, um ein Produkt nach einer bestimmten Zeit unbrauchbar zu machen, ist der „Quality Fade“ ein umfassenderer Prozess der systematischen Substanzverringerung. Es geht nicht nur darum, ein Bauteil absichtlich schwach zu gestalten, sondern darum, die Gesamtheit des Produkts so kostengünstig wie möglich zu fertigen, selbst wenn dies auf Kosten der Haltbarkeit und Zuverlässigkeit geht. Die Schraube aus minderwertigem Metall, die dünnere Kunststoffwand, der Verzicht auf eine schützende Lackschicht – jede dieser minimalen Einsparungen trägt zur kumulativen Verschlechterung des Endprodukts bei. Für den Konsumenten wird die Welt dadurch zu einem unsicheren Terrain. Das Vertrauen in etablierte Marken, die einst als Garant für Qualität galten, erodiert, da auch sie sich dem Diktat der Kostenreduktion unterwerfen. Die Fähigkeit, die Qualität eines Produkts vor dem Kauf zu beurteilen, schwindet, da die Mängel oft erst im Gebrauch zutage treten. Der „Quality Fade“ ist somit eine Form der Enteignung des Konsumenten – eine Enteignung seiner Erwartung an die Verlässlichkeit der materiellen Welt. Die Dinge werden zu tickenden Zeitbomben, deren Verfallsdatum im Verborgenen liegt und den Nutzer in einen permanenten Zustand der Unsicherheit und des Misstrauens versetzt. Der Kreislauf aus Kaufen, Enttäuschtwerden und Neukaufen wird zum Motor einer Wegwerfökonomie, die nicht nur ökologisch desaströs ist, sondern auch eine tiefe kulturelle Verunsicherung über den Wert und die Beständigkeit der uns umgebenden Artefakte erzeugt.

3.3 Die Ausdünnung der Welt: Wenn selbst medizinische Geräte dem Diktat der Kosten folgen

Die verheerendste Dimension der Ökonomie der Entwertung offenbart sich dort, wo die Logik des „Quality Fade“ in Sphären vordringt, die von existenzieller Bedeutung für das menschliche Wohl sind. Wenn selbst in hochsensiblen Bereichen wie der Medizintechnik das Diktat der Kostenreduktion über die Prinzipien der Robustheit und Langlebigkeit triumphiert, erreicht die Verkrempelung eine neue, potenziell lebensbedrohliche Qualität. Berichte über medizinische Geräte, deren Komponenten aus dünnerem, weniger widerstandsfähigem Material gefertigt werden oder deren komplexe Elektronik eine Reparatur außerhalb der herstellereigenen, kostspieligen Wartungszyklen praktisch unmöglich macht, sind alarmierende Indikatoren für diese Entwicklung (George, 2024). Hier geht es nicht mehr nur um das Ärgernis eines defekten Küchengeräts, sondern um die Integrität von Instrumenten, die über Gesundheit und Krankheit entscheiden können. Ein Beatmungsgerät mit einer verkürzten Lebensdauer, ein Laser für chirurgische Eingriffe, dessen Kalibrierung künstlich erschwert wird, oder Infusionsschläuche aus minderwertigem Plastik sind keine trivialen Mängel, sondern stellen eine fundamentale Bedrohung der immunologischen Schutzfunktion dar, die Technik für den menschlichen Körper übernehmen soll.

Diese „Ausdünnung“ der materiellen Welt in kritischen Infrastrukturen ist die logische Konsequenz einer Ökonomie, die den kurzfristigen Profit über die langfristige Verantwortung stellt. Die Traditionen des Reparierens und der Wartung, die einst Garanten für die Funktionsfähigkeit komplexer Systeme waren, verblassen angesichts von Konsumprioritäten, die auf den schnellen Austausch statt auf die Instandhaltung setzen (George, 2024). Die Folgen sind weitreichend: Krankenhäuser und Arztpraxen sehen sich mit steigenden Kosten für Wartung und Neuanschaffung konfrontiert, während das Personal mit Geräten arbeiten muss, deren Zuverlässigkeit fragwürdig geworden ist. Die Informationsasymmetrie zwischen Herstellern, die über das Innenleben ihrer Produkte wachen, und den Anwendern, die auf deren fehlerfreie Funktion angewiesen sind, wird zu einem ernsthaften Risiko. Das Phänomen zeigt, dass die Ökonomie der Entwertung kein auf Konsumgüter beschränktes Problem ist, sondern eine systemische Pathologie, die tief in die Strukturen unserer technisierten Gesellschaft eingedrungen ist. Sie untergräbt das Fundament des Vertrauens in die materielle Kultur und lässt den Menschen in einer Welt zurück, in der selbst die Artefakte, die sein Leben schützen und erhalten sollen, dem Verdacht des vorzeitigen Versagens ausgesetzt sind. Die Verkrempelung der Welt ist hier nicht mehr nur ein ästhetisches oder funktionales Ärgernis, sondern eine existenzielle Bedrohung.

4. Psychopolitik des Konsums: Zwischen moralischem Imperativ und Ohnmacht

In der spätmodernen Arena des Daseins, in der die großen Erzählungen von Heil und politischer Utopie einer globalen Müdigkeit gewichen sind, hat sich ein neues, subtileres Kampffeld aufgetan: der Konsum. Er ist längst nicht mehr nur ein Akt der Bedarfsdeckung, sondern der zentrale Schauplatz, auf dem das zeitgenössische Subjekt seine Identität verhandelt, seine Tugend beweist und sein Scheitern administriert. In diesem Theater der Waren wird eine permanente Psychopolitik betrieben – eine unaufhörliche Bearbeitung der Seele durch die Logik des Marktes. Die Sphäre des Konsums ist zu einem Raum geworden, in dem das Individuum unter dem Banner der Freiheit einer doppelten Belagerung ausgesetzt ist: dem moralischen Imperativ, die Welt durch die „richtige“ Wahl zu retten, und der erdrückenden Erfahrung der systemischen Ohnmacht angesichts einer Ökonomie, die auf Entwertung und Verschlechterung geeicht ist. Hier, im flackernden Licht der Online-Shops und im Labyrinth der Supermarktgänge, ereignet sich das Drama des modernen Menschen, der als Held seiner eigenen Biografie auftreten soll, sich jedoch immer öfter in den Fesseln einer ihm übermächtigen Krempel-Logik wiederfindet.

4.1 Der Held der Stunde in Ketten: Konsum als Schauplatz des individuellen Scheiterns

Das Subjekt des 21. Jahrhunderts ist zu einer heroischen Figur wider Willen ernannt worden. Es trägt auf seinen Schultern nicht mehr nur das Joch der eigenen Existenzsicherung, sondern die Last der gesamten Weltrettung. Der Klimawandel, die Ausbeutung im globalen Süden, das Artensterben – all diese apokalyptischen Reiter werden dem einzelnen Konsumenten vor die Füße gekippt mit der impliziten Aufforderung, durch ein ethisch einwandfreies Kaufverhalten das Ruder herumzureißen. Der Einkaufskorb wird zur Wahlurne, das Portemonnaie zum Stimmzettel für eine bessere Welt. Diese Moralisierung des Konsums stellt eine perfide Form der Externalisierung systemischer Verantwortung dar. Sie transformiert strukturelle Probleme, die in den Produktionsweisen des globalen Kapitalismus verankert sind – einer von Sloterdijk als „Ökonomie der Gier“ bezeichneten Ordnung (Anonymous, n.d.) –, in individuelle moralische Verfehlungen.

In dieser Inszenierung wird der Konsument zum alleinigen Souverän stilisiert, dessen Entscheidungen angeblich über das Schicksal des Planeten befinden. Doch diese Souveränität ist eine Fata Morgana. Der Einzelne, der pflichtbewusst versucht, zwischen Bio-Siegeln, Fair-Trade-Zertifikaten und CO₂-neutralen Versprechen zu navigieren, findet sich in einem unentwirrbaren Dschungel aus Marketing-Narrativen und Greenwashing wieder. Die Informationsasymmetrie zwischen Produzenten, die ihre Lieferketten bewusst verschleiern, und dem Konsumenten, der auf die Deklarationen auf der Verpackung angewiesen ist, ist unüberbrückbar. Jede Kaufentscheidung wird so zu einem existentiellen Risiko, zu einer Wette auf die Aufrichtigkeit eines anonymen Konzerns.

Das Ergebnis dieser permanenten Überforderung ist nicht die Ermächtigung des Individuums, sondern dessen psychische Zermürbung. Der Konsumakt, einst eine Geste der Aneignung und der Lebensgestaltung, wird zu einer Quelle permanenter Angst und unstillbarer Schuldgefühle. Habe ich das Richtige gekauft? Unterstütze ich mit diesem Produkt Kinderarbeit? Ist diese Verpackung wirklich recycelbar oder nur eine beruhigende Lüge? Diese Fragen bohren sich in das Gewissen und verwandeln den Alltag in ein Minenfeld ethischer Fallstricke. Das Subjekt, das als Held der Nachhaltigkeit in den Ring geschickt wurde, endet als tragische Figur, die an der Unmöglichkeit ihrer Mission zerbricht. Es ist ein Held in Ketten, gefangen in einem System, das ihm die alleinige Verantwortung für dessen Exzesse aufbürdet, während es ihm gleichzeitig die Werkzeuge zur wirklichen Veränderung vorenthält. Das individuelle Scheitern ist in dieser Konstellation nicht die Ausnahme, sondern die Regel; es ist der vorprogrammierte Betriebsmodus einer psychopolitischen Strategie, die von den eigentlichen Architekten der „Verkrempelung“ ablenken soll.

4.2 Die Inszenierung der Wahl: Marken-Wrestling in oligopolistischen Arenen

Die Illusion der konsumtiven Allmacht wird durch ein grandios inszeniertes Spektakel der Vielfalt aufrechterhalten. Die Regale der Supermärkte und die endlosen Feeds der Online-Plattformen suggerieren ein Universum unbegrenzter Möglichkeiten. Dutzende Marken von Joghurt, unzählige Modelle von Smartphones, eine schier unendliche Auswahl an Turnschuhen – sie alle treten in einem scheinbar erbitterten Kampf um die Gunst des Kunden an. Dieses „Marken-Wrestling“, ein performativer Ringkampf zwischen bunten Logos und aggressiven Werbekampagnen, ist jedoch in den meisten Fällen eine Farce. Hinter der Fassade der Konkurrenz verbirgt sich die eiserne Logik oligopolistischer Strukturen. Wenige globale Megakonzerne kontrollieren einen Großteil der Marken, die dem Konsumenten als Alternativen präsentiert werden. Die vermeintliche Wahl zwischen Marke A und Marke B ist oft nur eine Entscheidung zwischen der linken und der rechten Tasche desselben Unternehmens.

Diese Konzentration von Marktmacht führt zu einer fundamentalen Aushöhlung des Wettbewerbsprinzips. Anstatt durch Innovation und Qualitätsverbesserung zu konkurrieren, betreiben die Oligopolisten eine subtile Form der Kollusion. Sie imitieren die Produkte der Konkurrenz, nutzen identische Zulieferer und Bauteile und gleichen ihre Preisstrategien an. Das Resultat ist eine trügerische Homogenität unter dem Deckmantel der Diversität. Der Konsument, der glaubt, durch eine bewusste Markenwahl ein Statement zu setzen, wählt in Wahrheit nur zwischen Nuancen einer vorab festgelegten, systemimmanenten Mittelmäßigkeit. Die wirkliche Alternative – ein Produkt, das auf Langlebigkeit, Reparierbarkeit und ethische Produktion ausgelegt ist – existiert in diesen Arenen oft gar nicht oder wird in eine unerschwingliche Nische verdrängt.

Diese Inszenierung der Wahlfreiheit hat weitreichende Konsequenzen für die Beziehung zwischen Mensch und Ding. Die Marke, einst ein Garant für eine bestimmte Qualität und Herkunft, wird zu einem leeren Signifikanten, einem austauschbaren Label auf einem massenproduzierten Objekt. Die Entwertung des Produkts durch „Quality Fade“ und die Degradation digitaler Dienstleistungen durch „Enshittification“, wie von Cory Doctorow beschrieben (Heijari, 2024), sind die logische Folge dieser Entwicklung. Wenn der Wettbewerb nur noch auf der Ebene des Marketings stattfindet, verliert die materielle Integrität des Produkts an Bedeutung. Der Fokus verschiebt sich von der Substanz zur Oberfläche, vom Gebrauchswert zum reinen Tausch- und Imagewert. In dieser oligopolistischen Arena wird der Konsument zu einem passiven Zuschauer degradiert. Seine „Wahl“ ist kein souveräner Akt der Gestaltung mehr, sondern lediglich die Zustimmung zu einem der vorgegebenen Skripte, die von den unsichtbaren Regisseuren des globalen Marktes geschrieben wurden. Die Freiheit entpuppt sich als die Erlaubnis, in einem vorab möblierten Raum die Möbel etwas zu verrücken.

4.3 Minimalismus als luxuriöse Verweigerung: Die Ästhetik der teuer erkauften Leere

Als Reaktion auf die erdrückende Überfülle der Warenwelt und die omnipräsente Erfahrung des minderwertigen Krempels hat sich eine Gegenbewegung formiert, die unter dem Banner des Minimalismus segelt. Ihr Credo lautet: „Weniger ist mehr“. Diese Philosophie propagiert eine radikale Reduktion des Besitzes auf das Wesentliche, eine Befreiung von der Last des Materiellen und eine Konzentration auf Erfahrungen statt auf Objekte. Auf den ersten Blick erscheint der Minimalismus als eine authentische und subversive Verweigerungshaltung gegenüber der Konsumgesellschaft, als ein Akt der individuellen Immunisierung gegen den Terror der Dinge. Er verspricht eine Rückgewinnung von Autonomie, Zeit und mentalem Raum – eine asketische Übung zur Rettung des Selbst in einer Welt des Überflusses.

Bei genauerer Betrachtung offenbart sich jedoch die ambivalente, ja paradoxe Natur dieser Bewegung. Der Minimalismus, in seiner popkulturellen Ausprägung, ist weniger eine systemkritische Praxis als vielmehr eine neue, hochgradig ästhetisierte Form des Konsums. Die angestrebte Leere ist keine zufällige Abwesenheit von Dingen, sondern eine sorgfältig kuratierte und oft teuer erkaufte Inszenierung. Die wenigen Objekte, die in einem minimalistischen Interieur verbleiben dürfen, müssen höchsten ästhetischen und qualitativen Ansprüchen genügen. An die Stelle von billigem Krempel treten exklusive Designermöbel, hochwertige technische Geräte und sorgfältig ausgewählte, langlebige Kleidung von Manufakturen. Der Verzicht auf Quantität wird durch einen exzessiven Fokus auf eine hyperselektive Qualität kompensiert.

Damit verkehrt sich die ursprüngliche Intention. Anstatt den Konsum zu überwinden, treibt der Minimalismus ihn auf die Spitze. Er wird zu einem Luxusgut, zu einem Statussymbol für eine urbane, kreative Elite, die es sich leisten kann, Verzicht als ästhetisches Prinzip zu zelebrieren. Wer in prekären Verhältnissen lebt, kann sich den Luxus der Reduktion nicht leisten; für ihn bedeutet der Besitz von Dingen Sicherheit und die Anhäufung von Gebrauchsgütern eine Notwendigkeit. Der Minimalismus entpuppt sich so als eine Lifestyle-Option für jene, die bereits über ausreichend ökonomisches und kulturelles Kapital verfügen, um ihre materielle Existenz auf ein ästhetisches Minimum zu reduzieren, ohne dabei an Funktionalität oder sozialem Prestige einzubüßen. Die „Leere“ der minimalistischen Wohnung ist somit kein Zeichen der Befreiung, sondern das ultimative Luxusprodukt: der teuer erkaufte Beweis, dass man es nicht mehr nötig hat, seinen Wohlstand durch die Anhäufung von Krempel zur Schau zu stellen. Die Verweigerung wird selbst zur Ware, die Ästhetik der Leere zum letzten Schrei in einer Ökonomie, die selbst ihre entschiedensten Kritiker noch zu konsumierbaren Marken zu stilisieren weiß. Die Kritik am System wird so elegant in das System reintegriert und als Nischenmarkt profitabel gemacht (Hesselbein, 2025).

5. Ausblick: Jenseits des Krempels – Plädoyer für eine neue Warenkunde?

Die Diagnose einer universalen Verkrempelung der Lebenswelt, einer sphärologischen Kontamination durch funktional entkernte und ästhetisch beleidigende Objekte, darf nicht im Lamento verharren. Eine Kritik, die sich in der bloßen Beschreibung des Unbehagens erschöpft, bliebe selbst ein Symptom jener Lähmung, die sie anprangert. Wenn die Dinge nicht mehr als verlässliche Partner im anthropotechnischen Projekt der Welt-Einrichtung fungieren, sondern als Agenten der Irritation und des Verfalls, dann stellt sich die Frage nach den Auswegen aus dieser materialkulturellen Misere mit existenzieller Dringlichkeit. Die Antwort kann nicht in einer naiven Rückkehr zu einem postulierten „Früher“ liegen, in dem angeblich alles besser, solider, ehrlicher war. Ein solcher Impuls übersieht, dass die Logik der unaufhaltsamen Verschlechterung kein Unfall, sondern die Konsequenz eines systemischen Designs ist. Vielmehr bedarf es einer Neujustierung des Blicks, einer Re-Etablierung von Urteilskraft und einer ethischen Fundierung der Produktionssphäre selbst – ein Plädoyer für eine neue, kritische Warenkunde, die über die blosse Preis-Leistungs-Analyse hinausgeht.

5.1 Die Wiederbelebung des vermittelnden Blicks: Wider die Informationsasymmetrie

Das Fundament der Ökonomie des Krempels ist die systematisch hergestellte und aufrechterhaltene Informationsasymmetrie zwischen Produzenten und Konsumenten. In einer Welt, in der Markennamen zu leeren Hüllen für Lizenzmodelle verkommen sind und der Fachhandel als kuratierende und beratende Instanz zunehmend erodiert, steht der Käufer dem Produktangebot in einer Position epistemologischer Ohnmacht gegenüber. Die Komplexität moderner Geräte, gepaart mit der Intransparenz globaler Lieferketten und der Verschleierung von „Gleichteilestrategien“, macht eine fundierte Kaufentscheidung zu einer fast unlösbaren Aufgabe. Die Inszenierung von Neuheit durch Marketing überlagert die tatsächliche Substanzlosigkeit, und der Konsument wird zum Akteur in einer Farce, deren Drehbuch er nicht kennt.

Eine neue Warenkunde muss daher bei der radikalen Reduktion dieser Asymmetrie ansetzen. Dies erfordert die Schaffung neuer intermediärer Instanzen – Plattformen, Institutionen, journalistische Formate –, die den „vermittelnden Blick“ wiederbeleben. Es bedarf einer Renaissance des Warentests, der sich nicht mit der Überprüfung von Marketingversprechen begnügt, sondern der die Dinge seziert: Woher stammen die Komponenten? Wie sind sie verarbeitet? Welche Lebensdauer ist realistisch zu erwarten? Wie steht es um die Reparierbarkeit? Diese Form der investigativen Warenkunde wäre eine Art angewandte Phänomenologie, die hinter die polierte Oberfläche der Produkte blickt und ihre innere Verfasstheit, ihre „ontologische Ehrlichkeit“, offenlegt. Sie würde nicht nur informieren, sondern den Konsumenten zu einem mündigen, urteilsfähigen Subjekt erziehen, das in der Lage ist, die Spreu des Krempels vom Weizen des Gebrauchsguts zu trennen. Die digitale Vernetzung böte hierfür paradoxerweise die notwendigen Werkzeuge: Crowdsourced-Datenbanken über die Langlebigkeit von Produkten, frei zugängliche Reparaturanleitungen und transparente Lieferkettenregister könnten die hermetische Blackbox der Produktion aufbrechen und eine Form des kollektiven Gegendrucks organisieren, der die Hersteller zur Verantwortung zwingt.

5.2 Verantwortung als Designprinzip: Vom Recht auf Reparatur zur Ethik der Langlebigkeit

Die zweite Säule einer Flucht aus der Krempel-Ökonomie muss eine fundamental neue Ethik der Produktion sein, die Verantwortung nicht als nachträgliches Add-on oder Marketing-Slogan begreift, sondern als zentrales Designprinzip. Die gegenwärtige Produktionslogik externalisiert die Kosten des Verfalls systematisch auf den Konsumenten und die Umwelt. Geplante Obsoleszenz, die Verweigerung von Ersatzteilen und die Versiegelung von Geräten durch proprietäre Schrauben oder verklebte Bauteile sind nicht nur ökonomische Strategien, sondern Ausdruck einer tiefen Verantwortungslosigkeit gegenüber der materiellen Welt und den Menschen, die sie bewohnen.

Die politische Forderung nach einem „Recht auf Reparatur“ ist hier ein erster, entscheidender Schritt, der jedoch über das rein Juristische hinausgehen muss. Es geht um mehr als nur den Zugang zu Ersatzteilen und Handbüchern; es geht um eine kulturelle Neubewertung der Reparatur selbst (George, 2024). In einer Wegwerfgesellschaft wird die Reparatur zur anachronistischen, ökonomisch irrationalen Handlung degradiert. Eine Ethik der Langlebigkeit hingegen würde die Reparierbarkeit als Qualitätsmerkmal adeln und die Wartung als integralen Teil der Mensch-Ding-Beziehung verstehen. Produkte müssten von Anfang an so konzipiert sein, dass sie altern, gewartet und verbessert werden können. Dies impliziert eine Abkehr vom Diktat des permanenten Neukaufs und eine Hinwendung zu modularen, anpassungsfähigen und dauerhaften Gütern. Ein solches Paradigma würde nicht nur ökologische, sondern auch anthropologische Konsequenzen haben: Es würde die Beziehung zu den Dingen von einer flüchtigen Affäre zu einer dauerhaften Partnerschaft vertiefen und dem menschlichen Bedürfnis nach Beständigkeit und Verlässlichkeit in einer sich beschleunigenden Welt Rechnung tragen. Der Philosoph, der einst die Philosophie als eine Konfiguration des menschlichen Raumes beschrieb, könnte hierin den Versuch erkennen, die Interieurs des modernen Lebens wieder mit Objekten zu möblieren, die diesen Namen verdienen – Objekte, die nicht als Störfaktoren, sondern als stabilisierende Elemente im Haushalt der Existenz wirken (Anonymous, n.d.).

6. Schlussfolgerung

Die Analyse der „Verkrempelung der Welt“ führt in das Herz einer spätmodernen Pathologie, die weit über die blosse Erfahrung mit minderwertigen Produkten hinausreicht. Sie legt die Bruchlinien einer Zivilisation offen, in der das anthropotechnische Versprechen des Fortschritts in sein Gegenteil verkehrt wird: Statt den Menschen durch intelligente Werkzeuge zu entlasten und seine Sphäre gegen die Widrigkeiten des Daseins zu immunisieren, wird er in einen permanenten Kleinkrieg mit seiner alltäglichen Umgebung verwickelt. Die Dinge – von der Waschmaschine, die ungefragt Schubert spielt, bis zum Touchscreen-Herd, der die einfachste Handlung zur kognitiven Zumutung macht – werden zu Vektoren des Unbehagens, zu Agenten einer subtilen, aber unerbittlichen Enteignung von Zeit, Aufmerksamkeit und Souveränität.

Wir haben gesehen, wie sich dieses Phänomen auf mehreren Ebenen entfaltet. Auf der Ebene der Mensch-Ding-Beziehung manifestiert es sich als „hakelnde“ Interaktion, als eine Flusser’sche Inversion, in der nicht mehr das Objekt dem Menschen, sondern der Mensch dem launischen Objekt zu dienen hat (Biemann, 2022). Es entsteht ein „Ko-Immunismus der Verärgerung“, eine negative Solidarität der enttäuschten Nutzer, die sich im gemeinsamen Leiden an der Dysfunktionalität ihrer technologischen Prothesen wiedererkennen. Dies ist die Signatur eines Zeitalters, das den wechselseitigen Schutz als ethische Evidenz proklamiert, ihn aber auf der Ebene der materiellen Kultur permanent unterläuft (Anonymous, n.d.).

Auf der systemischen Ebene der Ökonomie entpuppt sich die Verkrempelung als Betriebsmodus eines Plattform-Kapitalismus, der auf „Enshittification“ und „Quality Fade“ als strategische Instrumente der Profitmaximierung setzt (Heijari, 2024). Die unaufhaltsame Verschlechterung ist kein Kollateralschaden, sondern das programmierte Ziel in einem System, das von der Logik des kurzfristigen Gewinns und der Externalisierung von Kosten getrieben wird. Die Erosion des Materiellen, die sich selbst in sensiblen Bereichen wie der Medizintechnik zeigt, ist Zeugnis einer tiefgreifenden Missachtung der Integrität der Dinge und, letztlich, der Integrität des menschlichen Lebens.

Schließlich führt die psychopolitische Analyse zur Figur des überforderten Konsumenten, der auf dem Schauplatz des Marktes als tragischer Held inszeniert wird. Beladen mit dem moralischen Imperativ, durch seine Kaufentscheidungen die Welt zu retten, sieht er sich in oligopolistischen Arenen gefangen, in denen die Wahlfreiheit zur Farce gerät. Die individuelle Verantwortung wird zur Ideologie, die von der systemischen Verantwortung der Produzenten ablenkt und die Ohnmacht des Einzelnen zementiert.

Der Ausblick auf eine mögliche Überwindung dieses Zustands kann daher nicht in einem Appell an den individuellen Konsumverzicht bestehen. Er muss vielmehr auf eine strukturelle Transformation zielen: die Etablierung einer neuen, kritischen Warenkunde, die die Informationsasymmetrie durchbricht, und die Implementierung einer Ethik der Langlebigkeit, die Verantwortung und Reparierbarkeit zu zentralen Designprinzipien erhebt. Es geht um die Wiederaneignung der Urteilskraft und die Forderung nach einer materiellen Kultur, die den Namen Kultur verdient. Eine Kultur, in der die Dinge nicht als Krempel die Sphären unseres Lebens verstopfen, sondern als verlässliche, wohlgestaltete und dauerhafte Gefährten die menschliche Existenz in ihrer prekären Weltlichkeit stützen und bereichern. Die Auseinandersetzung mit dem omnipräsenten Krempel ist somit mehr als eine triviale Alltagsklage; sie ist ein philosophisches Exerzitium ersten Ranges, eine Übung im genauen Hinsehen, die uns zwingt, die fundamentalen Fragen nach dem guten Leben inmitten der Dinge neu zu stellen.

References

Anonymous, n.d. Der Philosoph Peter Sloterdijk: Denken als Provokation – SWR. https://www.swr.de/swrkultur/wissen/der-philosoph-peter-sloterdijk-
denken-als-provokation-swr2-wissen-2022-
06-23-100.html

Anonymous, n.d. Peter Sloterdijk, The Philosopher’s Gaze (Deutsch) – YouTube. https://www.youtube.com/watch?v=SrKju2FGjJw

Anonymous, n.d. Einführung: Die ungeheuerliche Raumphilosophie von Peter Sloterdijk. https://gh.copernicus.org/articles/73/261/2018/

Biemann, A., 2022. Humanizing the It: Martin Buber on technology and the ethics of things. Religions. https://www.mdpi.com/2077-1444/13/2/137

Heijari, V., 2024. Alienation and Exploitation in Cory Doctorow’s The Bezzle. 
trepo.tuni.fihttps://trepo.tuni.fi/bitstream/handle/10024/161937/
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Clare, R., 2024. Selling London Jazz: Politics, Platforms and Performance in a Post-Digital Music Scene. etheses.whiterose.ac.ukhttps://etheses.
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Cohen, J., 2024. Critical Internet Literacies: Reconsidering Creativity, Content, and Safety Online. books.google.comhttps://books.google.com/books?hl=en&lr=&id=wlUzEQAAQBAJ&oi=fnd&pg=PA2011&dq=
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George, A. & Baskar, T., 2024. Repairing the future: The global fight for accessible fixes and sustainable tech. https://puirp.com/index.php/research/article/view/49

Hesselbein, C. & Bory, P., 2025. Infrastructures of Reality: Metaverse Stories, Spaces, Bodies. library.oapen.orghttps://library.oapen.org/handle/
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